Sonntag, 23. Februar 2014

21.02.2014 - Weißes Kaninchen, Rotes Kaninchen im Schauspielhaus


[Die Rohfassung schrieb ich schon am Samstag, 22. Februar 2014 gegen Vormittag.]
Eben habe ich eine SMS von einer Freundin gelesen, nach langer Zeit hatten wir gestern abend wieder Gelegenheit für ein intensives Gespräch. Wir hatten lange für ein Wiedersehen zu zweit gebraucht, aber keine von uns beiden kam auf die Idee, der anderen zu unterstellen, dass die andere sich nicht mehr mit der anderen treffen mag. Und in der SMS schrieb sie mir, dass sie seit langem wieder lachen konnte… scheinbar entwickle ich seit kurzem ein Talent dafür, andere (traurige) Menschen zum Lachen zu bringen, während es in mir selbst beschissen aussieht.
Das hat nicht wirklich mit dem eigentlichen Bericht zu tun, aber das musste einfach raus…

Ich habe lange in Alsergrund gewohnt und bei meinen Spaziergängen kam ich oft am Schauspielhaus vorbei, aber gestern konnte ich das erste Mal der kulturellen Institution einen Besuch abstatten. Ich könnte den Titel dieses Beitrages mit einem „Oder Hörgeräte-Tagebuch # 7“ ergänzen, weil ich nämlich im Dienste meiner Hörgeräte im Schauspielhaus war.
Ich bin seit fast zehn Jahren Mitglied des örtlichen Schwerhörigenverbandes und über diesen Verein erhielten wir eine Einladung vom Schauspielhaus, dass der Aufführungsraum mit einer Induktionsanlage ausgestattet sei und diese natürlich nur von Hörgeräteträgern, in dessen Hörgeräten die Induktion (oder auch „Telefonspule“ genannt) einprogrammiert ist, genutzt werden kann. Und wer, wenn nicht diese Hörgeräteträger, kann dazu am besten Rückmeldungen über die Funktion der Induktionsanlage liefern? Hier bitte um Achtung: Nicht alle Schwerhörige können die Induktion nutzen, sondern Hörgeräteträger, in dessen Hörgeräten auch die Induktion einprogrammiert ist. Daher mein dringender Aufruf an alle Hörgeräteträger, in dessen Hörgeräten die Induktion noch nicht vorhanden ist: Sofort zum Hörgeräteakustiker gehen und in den Hörgeräten die Induktion aktivieren lassen. Es tut nicht weh, dauert nur zwei Minuten und ist BEREICHERND!

Für die Ermöglichung des Besuches der Veranstaltung danke ich dem Schauspielhaus und auch dem VOX für die Organisation der Freikarten. Wir waren schließlich eine Gruppe von sieben Leuten, allesamt Hörgeräteträger.
Gleich vorneweg: Ich saß in der dritten Reihe Mitte und hätte das Stück ohne Induktion annähernd nicht so gut verstanden. Die Technik war leider nicht bestens, weil die Nebengeräusche unangenehm verstärkt wurden zB das Rascheln, als Ursula Strauss das Stücktext aus dem Papiersackerl herausfischte und wenn sie von einem bestimmten Punkt weg den Tisch verließ, empfand ich das Hören bzw Verstehen anders und musste mich sehr konzentrieren. Und überhaupt, was nicht immer selbstverständlich ist: Die Induktionsanlage war in Betrieb und hat funktioniert! Das bemerkte ich, wie ich zu Beginn des Stücks durch die vier Programme meiner Hörgeräte sprang und die klanglichen Unterschiede feststellen konnte. Außerdem habe ich sehr viel vom Stück mitbekommen – ich bin aus dem Saal hinausgegangen, mit dem Gefühl, wirklich eine Vorstellung besucht zu haben.
Ursula Strauss


Ursula Strauss kannte ich schon als Schauspielerin im Fernsehen, sie gehörte nicht wirklich zu meinen Favoriten und dementsprechend war meine Erwartung gering, bevor ich die Vorstellung besuchte. Wie im Flyer abgedruckt, erhielt Frau Strauss tatsächlich den Text erst zu Beginn des Stücks und wie sie es mit ihren weißen Kaninchen, roten Kaninchen, einem Bären, einer Krähe, Geparden und einem (!!!) Strauß (zum Brüllen!) meisterte, brachte mir viele Sympathiepunkte ein. Außerdem befolgten wir Publikum auch nicht alle Anweisungen aus dem Stücktext – schon gar nicht, als von uns verlangt wurde, dass wir die Augen schließen sollen. Wir Schwerhörigen wussten, mit geschlossenen Augen werden wir erst recht schlecht verstehen, was Frau Strauss vortragen würde. Wir hielten unsere Augen offen und sahen, dass die Wassergläser auf dem Tisch vertauscht worden sind. Ich darf nicht zu viel über das Stück verraten, nicht dass Frau Katharina Strasser noch vor dem 14. März weiß, was sie dann zu tun hat – aber am Ende des Stücks wollte ich tatsächlich nicht gleich aufstehen, weil mich das Schicksal von Nassim Soleimanpour nicht kalt gelassen hat. Wir haben ein unglaublich großes Glück, dass wir im alten Europa leben. Da kommen mir meine Sorgen recht klein vor. Besonders hängen geblieben bei mir ist die Passage, als Ursula Strauss über die vielen verschiedenen Arten von Selbstmord vorlesen musste. Und dass das Leben auch eine Art von Selbstmord sei, eine langwierige Art zu sterben, weil man dem körperlichen und geistigen Verfall ausgesetzt ist. 



Noch etwas muss ich bemängeln, wobei dieses Manko auch an meine Feigheit gerichtet ist – gegen Ende der Vorstellung ließ Frau Strauss laut Stücktext eine Passage von einem Zuschauer aus der ersten Reihe vorlesen. Beim Vorlesen blieb der Zuschauer auf seinem Sessel sitzen und sah dann und wann Ursula Strauss an – Sendepause für meine Ohren und mir blieb nichts anderes übrig, als die Emotionen im Gesicht von Frau Strauss zu beobachten. Ich hätte an Stelle rufen sollen: „Hier sitzen mehrere Schwerhörige und wir wollen Dich auch verstehen.“ Ich und die anderen taten es nicht. Hier ein Aufruf an die Sori: Du musst immer wieder aufstehen, auch wenn es noch schwierig ist und Dir scheinbar die Kräfte fehlen, weil Du einen unschönen Arbeitstag hattest oder Dich lieber Deinem Liebesschmerz widmen willst oder Dich einfach vor der Begegnung mit einem Freund fürchtest. Aufstehen musst Du immer wieder.

Das Schauspielhaus ist wieder einen Besuch wert.

Das ist schon wieder ZU persönlich. Ich höre hiermit auf zum Schreiben.

„Happy“ darüber, dass ich wieder etwas schreiben konnte und ich lasse das Lied wieder bei geöffnetem Fenster auf die Straße hinausschallen.

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