Freitag, 20. Juni 2014

Zeilen des Tages

In dem Lied bzw in diesem Text geht es nicht um ein gefladertes Auto und auch nicht, wie ein Auto gestohlen wird. Wie kommt man dennoch zu einem gestohlenen Auto? Nein, ich meine nicht die Vorgangsweise der Autodiebe. Sondern metaphorisch. Was macht man im Leben, um irgendwann in solch einem Auto zu sitzen und – schlimmer noch – zu fahren?

Nach der Textversion aus „Tracks“ (1998) muss man eine Frau, anscheinend die Liebe des Lebens, gefunden haben, sie auch heiraten, einander das „ewige“ Versprechen geben und schon kracht es. Nein, kein kaputtes Auto oder ist ein gefladertes Auto die Konsequenz eines kaputten Autos? Mein eigenes Auto funktioniert nicht mehr, also nehme ich mir einen anderen Wagen – hier in diesem Sinne: Stehlen. Nehmen wir einfach an, dass das eigene Auto das Ideal einer perfekt funktionierenden Ehe bzw Partnerschaft widerspiegelt.
„Then little by little we drifted from each other’s hearts“ – dem ist nichts hinzufügen – und nun fährt die Ich-Person mit einem gestohlenen Auto durch die pechschwarze Nacht und versucht, daraus das Beste zu machen.

Im Lichte von einem Ort (hier „Stanton“) hält die Ich-Person an und hofft, dass er mit dem gestohlenen Auto erwischt wird. Aber dazu kommt es nie – so wie man hofft, darauf kommen zu können, dass das ewige Versprechen Risse bekommt und man darauf aufmerksam gemacht wird. Dass ein Außenstehender dem Paar mitteilt, dass mit den beiden etwas nicht stimmt. Dass die „Liebe des Lebens“ anders aussieht. Dass das Versprechen etwas anderes für die beiden beinhalten soll.
Die Ich-Person gibt zu, dass das Ganze nur auf die eigene innere Unruhe zurückzuführen ist. „Restlessness“ ist ein vielschichtiges Wort. Offiziell übersetzt heißt es „Ruhelosigkeit“, „Rastlosigkeit“. Aber es ist auch mit „Unsicherheit“, „Zweifel“, aber auch ein wenig „Unreife“ zu interpretieren. Oft glaubt man, so auch die Ich-Person, dass dieses sogenannte „restlessness“ irgendwann mit der Zeit gehen wird und die Liebe wachsen würde. Aber dennoch dürfte mehr dahinter stecken, vermutet die Ich-Person, was die beiden schlussendlich eher entzweit und traurig macht als bindet. Anstatt jetzt nach den Ursachen zu forschen, fährt die Ich-Person wieder in einem gestohlenen Wagen und wartet auf das kleine rote Licht.
Wofür steht das kleine rote Licht? Mag es das Licht von der Ampel sein. „Rot“ signalisiert Stehenbleiben. Möchte die Ich-Person nicht mehr mit dem gestohlenen Auto weiterfahren und hofft auf eine rote Ampel, um ein wenig stehenbleiben zu können? Nur ein wenig… weil das rote Licht dann auf gelb und grün springen wird. Die Ich-Person will nicht unbedingt das gestohlene Auto abstellen und verlassen, es kann sich nicht aus diesem Wagen befreien, es fährt und fährt und fährt und ist dennoch dankbar für einen kurzen Halt, welches das kleine rote Licht ermöglichen kann. Wenn das rote Licht einen kurzen Halt ermöglicht, kann der Fahrer die Gelegenheit nutzen, beim kurzen Innehalten sich selbst einreden zu können, dass alles in Ordnung kommen wird. 

In diesem Moment muss die Ampel auf Grün gesprungen sein und der Fahrer erkennt, dass er in der Nacht fährt und die Angst begleitet ihn, dass er in der Dunkelheit verschwinden würde.
Im Dunkeln mit einem gestohlenen Auto erwischt zu werden, ist weniger möglich als bei helllichtem Tage. So verschwinden auch seine sogenannten Partnerschafts- bzw. Eheprobleme im Dunkeln… und niemand sieht es. Dabei scheint es der Ich-Person lieber und einfacher zu sein, am helllichten Tage mit einem gestohlenen Auto zu fahren, damit er erwischt wird, damit seine Sorgen und Probleme ans Licht kommen, erkannt werden. Aber so bleiben sie unausgesprochen und im Dunkeln verborgen.

Nun fällt ihm ein, dass sie ihn einmal gefragt hat, ob er sich an die Briefe erinnern kann, die er an sie schrieb, in der Zeit, als ihre Liebe noch jung und sie zuversichtlich waren („bold“ ist auch ein vielschichtig interpretierbares Wort). Sie teilte ihm mit, dass sie in der Nacht zuvor diese Briefe gelesen hat und ihr das Gefühl gab, sie zu einer 100jährigen zu machen. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass diese Liebe, die einmal zwischen den beiden existiert haben musste, schon SEHR lange zurückliegt, obwohl sie jetzt sicher keine 100 ist – eher 35, 40, 45.

Szenenwechsel: Irgendwo fließt ein Fluss durch diese kleine Stadt in den See bzw in das Meer. Dort in dem Schatten legt sich die Ich-Person hin und das Wasser fließt so mühelos in den Fluss dahin. Während das Wasser weiterhin selbstverständlich vor sich hin plätschert, steigt irgendwo (hier „County Line“) eine Feier und die Ich-Person beobachtet die Lichter und stellt sich die rhetorische Frage, dass sie möglicherweise dort sein könnte und nach ihm Ausschau hält. 

Dieses Bild bzw dieser Vers ist entweder ein Bild aus der Vergangenheit, eine Erinnerung. Oder nur eine Vorstellung, dass die Ich-Person in der Gegenwart aus dem falschen Leben für kurze Zeit entschwindet, für kurze Zeit aus dem gestohlenen Auto aussteigt, um im Schatten in der Nähe eines Flusses Halt zu machen und dadurch dass in der Nähe eine Feier im Gange ist, stellt er sich gerade vor, dass dort seine „Richtige“ auf ihn wartet.

Die Ich-Person erzählt von seinem Traum in der vergangenen Nacht. Er rief seine Liebste an, schwor ihr, zu ihr zurückzukehren und für immer bei ihr zu bleiben. Nun stehen sie wieder vor den Stufen zu ihrer Hochzeitskapelle und gehen Arm in Arm durch das Tor hinein. Er kann sich erinnern, wie gut er sich darin fühlte, als der Priester ihm gebot, dass er nun die Braut küssen dürfe. Aber als er sich zu ihr beugte, um ihre Lippen zu berühren, fühlte er in diesem Moment, dass ihm alles aus seinen Händen entgleitet.

Nun fährt die Ich-Person wieder in dem gestohlenen Wagen durch eine pechschwarze Nacht. Sagt sich immer wieder, dass alles in Ordnung sei. Aber er fährt während der Nacht und die Angst, die Furcht ist sein ständiger Reisebegleiter. Egal, was er tut und wohin er fährt – niemand sieht ihn, wenn er davonfährt.

Das „ride by“ interpretiere ich schon als Davonfahren… aber es dürfte kein buchstäbliches Davonfahren sein. Im Grunde genommen bleibt die Ich-Person bei der angetrauten Frau, auch wenn ihm beim Hochzeitskuss alles entglitten ist. Mithilfe eines gestohlenen Autos wird es ihm auch nicht gelingen, das zu finden, was ihm verloren gegangen ist. Es müssen nicht materielle bzw gegenständliche Dinge sein, die ihm entglitten sind… es sind eher Ideale, Vorstellungen, Wünsche, Ziele, Einstellungen, die er mehr oder weniger über Bord warf, als er die Braut geküsst hat.
Er wird bei ihr bleiben (müssen), am Anfang des Textes steht „we got married and promised never to part“. Von einer Trennung ist nie die Rede, aber den beiden ist die Instabilität der Partnerschaft bewusst. Sie fühlt sich ziemlich alt und er fährt ein gestohlenes Auto. Und hoffen noch lange darauf, dass jemand oder etwas die beiden aus ihrer festgefahrenen Situation rettet.

Was hat das Lied mit mir zu tun? „Stolen Car“ auf „The River“ (1980) blieb lange Zeit unbeachtet, erst aufmerksam wurde ich auf die Version von „Tracks“ (1998), die ich vor wenigen Jahren erst intensiv hörte und seitdem bin ich in diesem Lied gefangen. Kürzlich lernte ich eine ähnliche Version kennen, die ich auch oft und gern höre.

Was es trotzdem mit mir zu tun hat? Ich glaube, ich bin in meinem Leben manchmal mit einem „stolen car“ gefahren, aber verglichen mit dem Text, mit dem ich mich oben beschäftigt habe, darf ich behaupten, dass ich nie über den Status einer Fahrschülerin hinausgekommen bin.

Ich hatte in letzter Zeit mit Menschen zu tun, die ein „stolen car“ fahren oder bei denen ich zumindest glaube, dass sie einen solchen Wagen lenken. Sie sind mit den angetrauten oder künftig angetrauten Partnern zusammen und fahren doch die ganze Zeit in einem gefladerten Auto. Selbstbetrug und das Aufrechthalten eines Klischees werden durch das „stolen car“ symbolisiert. Es liegt zwar an ihnen, was sie damit tun sollen. Bloß, ich glaube, dass es einen auf Dauer ziemlich deprimiert und schlussendlich desillusioniert, wenn man beständig ein sogenanntes „stolen car“ fährt.

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