Sonntag, 15. Februar 2015

Zeilen des Tages

Ich habe heute morgen nach langer Zeit in einer wunderschön-traurigen Textinterpretation gelesen und möchte dies hier veröffentlichen:

Bei dem Mammutwerk "Born to run" ist es eigentlich sehr schwer, ein einzelnes Lied zur Interpretation auszusuchen, da das Album in einem engen Zusammenhang der jeweiligen Songs verfaßt wurde. Die LP erzählt eine Geschichte, eine Geschichte mit Anfang und Ende, eine Geschichte über Helden und solche, die glauben welche zu sein.

"Thunder Road" ist hierbei das klassische Beispiel zur Erläuterung dieser Aussage, denn das Stück weist unter anderem den Grundgedanken dieser Platte auf: GEBOREN ZUR FLUCHT. Das Lied ist ein Teil von der Chronik über Menschen, die Angst vor Verantwortung haben, die immerwährend versuchen, aus ihrem Leben zu fliehen und die ihr trübes Dasein durch Ignoranz der Realität verdrängen wollen. Beschrieben wird hier zunächst ein Vorhaben der Hauptperson - ein Mann, der seine Freundin bei ihr zuhause abholen will. Sie erwartet ihn bereits, doch weiß noch nicht, daß er beabsichtigt, sie dieses Mal nicht wie gewohnt nur auszuführen, sondern eine für ihn lebenswichtig scheinende Entscheidung von ihr verlangt. Für ihn gibt es nur eines: "... Roy Orbison singt für die Einsamen, hey, das bin ich und ich will nur dich allein." Er kennt keine Kompromisse, kein Hin und Her und ein "Nein" wird er schon gar nicht akzeptieren. Seine Absichten sind genauso gradlinig wie unmißverständlich. Doch Mary, die Freundin, hegt noch immer Zweifel an seinen Verheißungen, in denen er verspricht, sie mit seinem allesbedeutenden Auto in die Freiheit zu führen. Sie zögert weiterhin und er kann ihre Gedanken genau lesen: "... und so hast du Angst, und du denkst, daß wir dazu nicht mehr jung genug sind." Die Unzufriedenheit des Mannes, der stellvertretend für viele seiner Altersgenossen steht, basiert auf der Furcht, etwas zu versäumen, alt zu werden, ohne die vorstellungsgemäßen Freuden des Jungseins ausgeschöpft zu haben.
Ohne es zu wissen oder wahrhaben zu wollen, ist er dabei, in den Träumen von diesem so romantischen Paradies zu versinken. Dies ist jedoch auch bloß ein Ort, der letztendlich nur Zuflucht für jene Illusionisten ist, denen es nicht gelingt, mit ihrer Lebenssituation fertigzuwerden. Noch immer versucht er durch seinen Optimismus, den Gedanken der Ergebung zu verdrängen. Dasselbe wird von Mary gefordert: "...zeig' etwas Vertrauen, es liegt ein Zauber in der Nacht." Diese verführerische Angeberei kennzeichnet seine Überredungskunst, die sichtlich nicht immer sehr überzeugend wirkt.
Auch der Charmeur in Springsteen gibt noch sein bestes von sich: "...du bist keine Schönheit, aber Du bist genau richtig." Und dieser zuversichtliche Rebell hat natürlich noch mehr Einfälle, mit denen er versucht, sie aus dem Haus zu locken. Dabei stellt sich immer wieder heraus, wie jämmerlich seine verfügbaren Mittel doch sind, denn: "...die ganze Erlösung, die ich Dir bieten kann, ist unter dieser dreckigen Motorhaube." Er gesteht auch ganz offen, daß er sich selbst nicht als Helden sieht. Was also sollte da Mary noch überzeugen? Die Gitarre, die er "...zum Sprechen bringen kann" gewiß nicht. Auch nicht die Feststellung, daß Mary ohnehin all ihre Freunde verloren hat, die jetzt in ausgebrannten Chevrolets auf den staubigen Strandwegen umherstreunen. Er kann ihr zwar nicht den Himmel auf Erden schenken, doch bezeugt er felsenfest, sie ins "...promised land" bringen zu können.
Der einzige Weg, dorthin zu kommen,  führt jedoch über die "Donnerstraßen". Es ist schon der Bezeichnung gemäß ein nicht ganz unbeschwerlicher Weg, denn alles ist geprägt von der Scheinheiligkeit des Lebens der Rastlosen, der zielstrebenden Menschen in ihrem ständigen Umherirren auf der Suchen nach einem kleinen Stückchen Glück.

Springsteen setzt an den Schluß des Liedes kein Happy End, und es bleibt auch offen, ob es seinem Song-Helden gelungen ist, Mary zu überreden. Doch die letzte Zeile gibt noch einmal haarscharf die Lebenseinstellung der Hauptperson wieder, wobei der Entschluß des Mannes auch zugleich eine Botschaft an all jene Zurückgebliebenen in dieser düsteren Kleinstadtwelt ist. Er spricht alle damit an, die zur Erkenntnis gelangt sind, daß nur e i n e Möglichkeit existiert, d.h. alles oder nichts: "...es ist eine Stadt voller Verlierer und ich hau' von hier ab, um zu gewinnen."

Quelle: Club-Magazin des "Springsteen Club Jersey - Unofficial", Ausgabe I/87
verfasst von Anja Schlegel, W-7941 Göffingen
 

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