Dienstag, 28. Juli 2015

Hörgeräte-Tagebuch # 8

Eine Abbildung aus dem Flugblatt zum "Hörtraining"
Wie schon im letzten Tagebuch-Eintrag angekündigt, bezieht sich dieser Beitrag auf meine Eindrücke des Hörtrainings. Wie ich indirekt von anderen Hörgeräte-Akustikern erfahren habe, dürfte es in Mode gekommen sein, dass die Hörstudios nun auch Logopäden beschäftigen. Bei meinem Hörgeräte-Akustiker des Vertrauens nahm ich nun zu Jahresbeginn das Angebot des Hörtrainings in Anspruch. Aus dem vielversprechend gestalteten Flugblatt zähle ich ein paar Vorteile auf: Alltagsklänge erkennen und zuordnen, Richtungshören trainieren, Sprache und Hintergrundgeräusche trennen. Notwendig waren noch eine Verordnung meines HNO-Arztes und ein Gang zur Gebietskrankenkasse. Mit dem abgestempelten Fetzen konnte nun das Hörtraining beginnen. Die Logopädin werde ich im folgenden Text „SW“ nennen, das sind auch die Initialen ihres Namens. Wenn ich von einer Sitzung schreibe, meine ich die sogenannte Stunde bei ihr, die auch tatsächlich eine Stunde dauert. Da ich beim Hörtraining keine Fotos gemacht habe, werde ich zur Auflockerung meine abfotografierten handschriftlichen Notizen einfügen.
Die erste Sitzung am 30.01.2015 begann mit einem kurzen Kennenlernen, die ich im Nachhinein als vorsichtiges Beschnuppern bezeichnen würde. Mit SW konnte ich nicht gleich ein perfektes Band knüpfen, aber das änderte sich zum Glück in den nächsten Sitzungen. Nun startete SW an ihrem Computer ein Programm, wo zuerst ein Geräusch vorgespielt wurde, das ich mir einprägen sollte. Anschließend wurden fünf ähnlich klingende Geräusche abgespielt und eines davon war das vorgegebene und ich musste mich für eines entscheiden. Bei dieser Spielerei mit fünf ca. weiteren, anderen Geräuschen konnte ich immer das richtige erraten. Meine Trefferquote lag also bei 100 Prozent. Wenn das nicht ein guter Anfang ist… Anschließend las sie mir Wörter vor, die ich wiederholen musste. Dabei verschlechterte sich meine Trefferquote, aber ich musste mich auch an ihre Stimme gewöhnen und zum Abschluss wurden die „G“- und „D“-Silben mit An- und Auslauten geübt. Bevor ich mich von ihr verabschiedete, ersuchte sie mich, dass ich mir im Alltag einfach bewusst machen soll, auf Geräusche besser hinhorchen und sie möglicherweise richtig lokalisieren zu können. (Ist für mich eine Herausforderung, weil mir einmal eine HNO-Ärztin eine hochgradige Perzeptionsschwerhörigkeit diagnostizierte.)

Die zweite Sitzung am 13.02.2015 war aus meiner Sicht ein Flop. Richtungshören: Im Raum waren mehrere Lautsprecher installiert, SW spielte Geräusche von ihrem Computer ab, sie teilte mir mit, dass dieses Geräusch von da und dort kam und ich musste hinhorchen, dass dieses Geräusch auch tatsächlich aus dem einen Lautsprecher kam. Meine Trefferquote lag bei stolze 0 %, weil meine Hörbereitschaft auch extremst gering war. Zwischendurch übte ich wieder mit ihr die „G“- und „D“-Silben und musste von ihr vorgelesene Wörter mit diesen Buchstaben wiederholen. Und weil ihr dies nicht genug war, startete sie wieder mit dem leidlichen Richtungshören. Die zweite Runde war wieder vom Erfolg gekrönt, ich konnte einfach nicht nachvollziehen, dass das Geräusch tatsächlich aus diesem Lautsprecher kam. Ich teilte ihr mit, dass das Hören bei mir auch psychisch bedingt sei und ich oft in der Annahme verfalle, dieser Klang sei tatsächlich lauter oder leiser oder dieses Geräusch käme von da und dort. Warum ich bei dieser Sitzung nichts zusammenbrachte, habe ich in diesem Bericht auch ausführlich beschrieben. 
Bei der dritten Sitzung am 27.02.2015 funktionierte das Richtungshören etwas besser als beim letzten Mal. Ich machte mir das Ganze ein wenig leichter, als ich SW darum bat, dass sie mir die Entscheidung überlassen soll, wann ich ein „vorne“ und „hinten“ vermutete, ohne dass sie es mir vorher ankündigte. Dadurch konnte ich die feinen Unterschiede etwas herausfiltern. Das Gehirn und die Psyche spielen beim Hören eine große Rolle. Nun wurden sowohl die „F“- und „W“- als auch die „N“- und „L“-Silben geübt und damit das Ganze nicht zu fad wurde, durfte ich wieder die dazugehörigen Wörter mit diesen Silben (er)hören. Da SW und ich erst die dritte Sitzung hatten, hatte sie die irrige Annahme, dass ich eher Probleme mit diesen letztgenannten Lauten hätte, aber nun war sie überzeugt davon, dass die Zischlaute meine besten Freunde sind und sie werden in der nächsten Sitzung in Angriff genommen.
Die vierte Sitzung am 06.03.2015 begann wieder mit dem Richtungshören – dieses hors d’oeuvre mutierte sich nun zum fixen Bestandteil bis zur letzten Sitzung des Hörtrainings. Da SW schon in der letzten Sitzung bemerkte, dass ich in einem speziellen Verhältnis zu den Zischlauten stehe, wurde zuerst der Schwerpunkt auf „CH“ und „SCH“ gelegt und auch dazugehörige Wörter gehört und aufgesagt. Nun kam es zum großen „eS“. Interessant war ihre Frage, nachdem ich etliche Wörter mit „S“ mit einer guten Trefferquote wiederholt habe, ob ich in den Wörtern das „S“ überhaupt höre. Und hier erwähne ich wieder, dass das Gehirn, das Gelesene, das Erlernte eine große Rolle spielen. Ich antwortete ihr, dass ich beim Nichthören des „S“ einfach „weiß“, dass dieser Buchstabe in diesem Wort vorkommt. (Nehmen wir als Beispiel das Wort „interessant“. Ich höre „intere[_]ant“ und greife auf mein Wissen zurück, dass es sich um das Wort „interessant“ handeln kann.) Nun stand SW auf und stellte sich links vor mir, in einem halben Meter Abstand zu meinem linken Ohr betonte sie das „S“. Sie soll es getan haben, ich hörte natürlich nichts. Sie bewegte sich nun auf der rechten Seite und wiederholte dieselbe Prozedur. Ich (Ich? Mein rechtes Ohr mit Unterstützung meines wunderbaren Hörsystems.) vernahm zumindest ein hauchendes Zischen. Leichtes Entsetzen machte sich auf ihrem Gesicht breit. Ja, was soll ich dazu sagen? Ist es nicht Ironie des Schicksals, dass sogar in meinen Vor- und Nachnamen die Buchstaben „S“ sich verirrt haben? Wir übten nachher noch weitere „S“-Wörter.

Zur fünften Sitzung am 20.03.2015 weiß ich nicht zu berichten. Bis dahin fehlte mir der Wille, gleich nach dem Hörtraining meine Eindrücke niederzuschreiben.
Nach einer etwas längeren Pause (abgesagter Termin wegen Heuschnupfen, Heimaturlaub) fand die sechste Sitzung am 17.04.2015 statt und da wurde eher wiederholt als etwas Neues ausprobiert. Beim Richtungshören war ich dieses Mal nicht so ganz erfolgreich, ein gewisser Mangel an Konzentration war da und eher gesagt, diese Übung kann manchmal nerven und in dieser Sitzung war sie mir einfach nur lästig. Dazu wurden sowohl die „L“- und „N“-Silben als auch die „S“- und „SCH“-Silben und deren dazugehörigen Wörter geübt.

Die siebente Sitzung fand dieses Mal an einem Mittwoch, 22.04.2015 statt. Die bisherigen Sitzungen liefen an den Freitagnachmittagen ab, weil ich dies mit der Arbeit gut vereinbaren konnte, aber mein Wunschtermin am 24.04.2015 konnte mir nicht erfüllt werden, daher einigten wir uns auf diesen Tag. Schon am Vormittag rief mich SW auf Arbeit an, dass die Soundkarte am Computer Probleme machte und sie fragte mich, ob ich dennoch zur Sitzung kommen will und aber das Hauptaugenmerk daher auf sprachliche Übungen gerichtet werde. Da ich mich irgendwie schon auf diese Sitzung gefreut habe, sagte ich ihr mit Begeisterung und einer gewissen Erleichterung, dass das blöde Richtungshören ausfallen würde, zu.
Und DIESE Sitzung, weil sie an einem Mittwoch statt an einem Freitag stattfand, weil das Richtungshören ausfiel, wurde zu der bisher besten Sitzung. Die „G“- und „D“-Silben gelangen mir leicht von den Lippen, die dazugehörigen Wörter noch besser und nun wurde trotz problematischer Soundkarte ein Abspielen des Störlärms möglich. Also hörte ich mit linkem Ohr dem Störlärm und mit dem rechten ihre Worte zu, die sie mir vorlas und ich sie wiederholte. Ging fast zu einfach, was ich ihr auch mitteilte. SW schlug vor, dass ich doch mit dem guten Ohr dem Störlärm zuhorchen und mit dem schlechten die Wörter erkennen soll. Diese Übung wurde zu einer Herausforderung, die ich gut meisterte. Störlärm abgedreht. Ich hörte mit dem linken Ohr den Wörtern zu, wo meine Freunde, die Zischlaute, sich versteckten. Es macht für mich einen großen Unterschied, solchen Wörtern mit dem linken Ohr zuzuhorchen als mit dem rechten. Aber ich fühlte mich nach der Sitzung unglaublich gut wie noch lange nicht, weil diese Stunde so wunderbar verlaufen ist. Und auch in dieser Zeit habe ich die positiven Momente sehr gebraucht.

Bevor ich zur achten Sitzung am 08.05.2015 schreibe, hier zu etwas ganz anderem: Im letzten Tagebuch-Eintrag berichtete ich, dass mir der Bügel meines rechten Ohrpassstückes abgebrochen ist und ich dadurch für beide Hörsysteme neue Ohrpassstücke erhielt. Seit ungefähr zu diesem Zeitpunkt (das wurde mir auch viel später klar) stellte mein ehemaliger Lebensgefährte des Öfteren fest, dass er ein unangenehmes Rauschen empfand, wenn er ganz in der Nähe meines linkes Ohrs kam – auch bemerkte ich selbst, dass mein linkes Hörsystem häufiger pfiff, wenn es mit irgendetwas in Berührung kam. ...aber manchmal ist es schwer, die Zeit aufzuhalten und wir haben schon Anfang Mai 2015… am Montagmorgen des 30. März 2015 passierte mir schon wieder das Missgeschick, dass mir der Bügel von meinem rechten Ohrpassstück abbrach. (Ja, auch wieder beim Putzen des Ohrpassstückes. Etwas, was ich schon JAHRELANG tue.) Ich war darüber sehr verärgert, weil ich vor kurzem in einer tiefen persönlichen Krise hineingeschlittert war und weitere negative Erlebnisse nicht gebrauchen konnte. Es kam noch dazu, dass ich durch den fehlenden Bügel das Hören komplett anders empfand bzw wahrnahm. Besser geht’s nicht! Am Tag danach nutzte ich meine Mittagspause, indem ich ins Institut marschierte und dem Meister von meinem Missgeschick berichtete. Er wunderte sich darüber, dass mir dies innerhalb von wenigen Monaten wieder beim selben Ohrpassstück passiert sei. Er versprach mir, dass das nächste Ohrpassstück aus festerem Material bestehen würde, damit es nicht wieder zerbrechen sollte und nahm sich persönlich Zeit für einen neuen Abdruck. (Und nebenbei: Auch die Ohrpassstücke gehen mit der Zeit, die Dinger gehen auch schneller kaputt wie die angesagtesten Elektrogeräte.)
In der Zwischenzeit (ca. drei Wochen) musste ich mit dem verstümmelten Ohrpassstück zurechtkommen. War ich froh, dass ich davon eine Woche in Erfurt verbringen konnte und dort das Hören dank lautloser Kommunikation mit meinen gehörlosen Eltern nicht so gefordert war.
Vor der Sitzung am 17. April 2015 bekam ich das neue Ohrpassstück und Soris kleine eigene Hörwelt war somit einigermaßen wieder hergestellt.
Aber das Pfeifen wollte nicht aufhören, trotz Abgang des Lebensgefährten traten weitere unangenehme Situationen auf und in letzter Zeit bekam ich auch öfters auf Arbeit zu hören, dass mein Hörgerät pfeift – auch daran erkennbar, dass meine Kollegen plötzlich schmerzverzerrende Grimassen schnitten, Lieblingskollegin # 2 ihre Ohren mit ihren Fingern zuhielt und Lieblingskollegin # 1 ein „Sorina! Aua! Aua!“ rief. Diesen Idioten kannst Du tausendmal sagen, dass ich auf dem linken Ohr fast gar nichts höre, geschweige denn ein blödes Pfeifen meines linken Hörsystems und sie kommen mit solchen geistreichen Bemerkungen daher. Sag’s meinem linken Ohr, dass das Pfeifen meines Hörgerätes sooo unerträglich ist. (Ach, rutscht mir doch den Buckel herunter…)

Fortsetzung folgt...

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