Sonntag, 20. September 2015

Bruce Springsteen "Nebraska"

Nun ist es bald 33 Jahre her, als "Nebraska" veröffentlicht wurde,
Bruce Springsteen war damals 33 Jahre alt,
ich bin nun 33 geworden. 
Zählt man nun mein Alter und das Alter von „Nebraska“ zusammen, ergibt 66. Und das wird Herr Springsteen in den nächsten Tagen.

Schon das Cover-Foto von David Kennedy allein zeigt, welcher Weg uns „Nebraska“ möglicherweise weisen wird. Das Album wird mit dem Titellied eröffnet. Basierend auf die wahre Geschichte von Charles Starkweather & Caril Fugate und bezugnehmend auf „Badlands“ (Steht noch auf meiner To-Do-Liste: Den Film von Terrence Malick ansehen.) versucht Springsteen, die Situation aus Starkweathers Sicht zu beschreiben. Der Hörer bzw. Leser wird dazu angeregt, nachvollziehen zu können, was den kaltblütigen Mörder dazu bewogen hat, Leute „on his path“ zu töten. Mit fast gleichgültiger Stimme erzählt er die Geschichte, „[…] and ten innocent people died.“ Sie hatten sogar Spaß daran. Um Vergebung wird hier nicht gebeten. Es wird ihm sogar erklärt, dass er nicht für das Leben weiterhin geeignet sei und zum Schluss wird die Frage, warum und was er alles getan hat, mit „[…] well Sir I guess there’s just a meanness in this world.“ beantwortet. 
Das eröffnende Titellied lässt uns die textliche und musikalische Struktur für das restliche Album erahnen. 
Dass eine Gitarre, eine Mundharmonika und eine Stimme kraftvoll sein können wie ein ganzes Orchester, hört man sehr deutlich in „Atlantic City“. Dort werden die letzten Lichter in der einst pulsierenden Stadt abgedreht: „[…] Everything dies baby that’s a fact.“ 
Die Mundharmonika öffnet das Tor zum „Mansion On The Hill“. Idyllisch, malerisch beschreibt Springsteen das Haus auf dem Hügel. Spielende Kinder, eiserne Tore, weite Kornfelder, ein scheinender Mond auf das Haus. (Nebenbei: Mir gefällt die etwas verfremdete, aber überaus gelungene Version auf der „Live In New York City“.) Die bilderreiche Idylle hält aber nicht ewig, etwas bleibt zurück. Da ist irgendetwas. Oder irgendjemand. So einer wie „Johnny 99“.
Keine so unbekannte Geschichte. Die heulende Mundharmonika und die greinende Stimme von Springsteen erzählt, dass eine Autoproduktion geschlossen wird. Der Protagonist Ralph bemüht sich vergeblich um einen neuen Job, in seiner Wut oder auch Verzweiflung trinkt er, kommt zu einer Waffe und tötet einen Nachtportier. Er wird gefasst, dem Richter vorgeführt und zu einer Haftstrafe von 99 Jahren verurteilt. Es kommt zu einer Handgemenge, die Freundin muss weggeführt werden, die Mutter schreit und die letzten zwei Verse ergeben das Schlussplädoyer von Johnny 99. Dem ist nichts hinzufügen. 
Dass die Lieder in „Nebraska“ sehr filmisch sind, hat sich Sean Penn an „Highway Patrolman“ gewagt. Herausgekommen ist einer meiner Lieblingsfilme – „Indian Runner“. Die Geschichte über die ungleichen Brüder und dass Blut dicker als Wasser ist, wird in diesem Lied sehr geschichten-erzählend und bilderreich dargestellt. Auch wenn der Bruder der Familie den Rücken zugewandt hat, er nicht mehr gut ist, ist doch eindeutig, dass die brüderliche Verbindung nie abreißen kann: „[…] nothin‘ feels better than blood on blood“. 
„State Trooper“ ist eine für das Album recht flotte Nummer. Der Erzähler stellt sich vor, bloß nicht von einem „State Trooper“ angehalten zu werden, da er gerade zu schnell fährt. Er beschreibt eine „clear conscience ‘bout the things that I done“ und lässt zum Schluss ein „Hi ho silver-o deliver me from nowhere.“ heraus. Sehr viel Interpretationsspielraum. 
„Used Cars“ hat sehr starke autobiographische Züge. Douglas Springsteen, der Vater von Bruce Springsteen, hatte wechselnde Jobs gehabt und gehörte auch  nicht zu den reichen, begüterten Leuten und sich ein nigelnagelneues Auto zu leisten, war für die Familie undenkbar. Springsteen erzählt hier von der Scham, wieder in einem neuen, gebrauchten Auto zu sitzen. In diesem Lied beschreibt er seine Schwester und seine Eltern sehr plastisch. Schwester auf dem Vordersitz mit einem schmelzenden Eis, Mutter ganz allein auf dem Rücksitz, während Vater das neue „used car“ aus der Lücke steuert, wie die Mutter mit dem Hochzeitsring spielt und den Verkäufer ansieht, der wiederum auf die Hände des Vaters starrt und wie dann der Erzähler schwört, dass er eines Tages, wenn er im Lotto gewinnen sollte, er sicher nie wieder in einem gebrauchten Wagen fahren werde. Dazu beschreibt er auch die Szene, mit dem neuen „used car“ in die Straße zu kommen, wo sie wohnen und wie das Objekt von den Nachbarn begutachtet wird und der Text erreicht seinen Höhepunkt mit „I wish he’d just hit the gas and let out a cry and tell ‘em all they can kiss our asses goodbye.“ 
„Open All Night“ ist ähnlich „State Trooper“ eine temporeiche Nummer mit textlichen Wortspielereien, immer ganz schnell Luft holen und die letzte Zeile klingt auch ähnlich wie die letzte Zeile in „State Trooper“: „Hey ho rock’n’roll, deliver me from nowhere.“ 
Es hat lange gedauert, aber mittlerweile kann ich schreiben, dass „My Father‘s House“ meine liebste Nummer auf „Nebraska“ ist. Im November vergangenen Jahres hatte ich wieder Gelegenheit, das Album durchzuhören und großteils mitzulesen. Während ich mich mit diesem Lied beschäftigte, fiel mir nach Jahren ein Traum ein, den ich im Alter von drei oder vier Jahren geträumt hatte. Er hat hauptsächlich mit „Vater“ zu tun und ich wurde von meinen Emotionen überwältigt. „Last night I dreamed that I was a child“ – ich versuche, Parallelen zu ziehen. „[…] ghostly voices rose from the fields/ I ran with my heart pounding down that broken path/ With the devil snappin‘ at my heels“. Heute betrachte ich meinen Traum wieder nüchterner, ich habe dieses vordergründige Wissen und es „unter Kontrolle“, da diese Erinnerung mich nicht hinterrücks überfällt. Die Stimme wirkt wie ein Echo aus der Ferne, „[…] where our sins lie unatoned.“, die Mundharmonika dagegen scheint ganz nah zu sein. 
„Reason To Believe“ ist das Lied mit den meisten biblischen Bezügen. Das abschließende „Still at the end  of every hard-earned day people find some reason to believe.“ gehört zur Sammlung der wichtigsten Springsteen-Zitate und vermittelt auch eine Lebenseinstellung, wenn auch etwas leicht ironisiert und sogar etwas zynisch betrachtet. Noch Fragen?

„Nebraska“ in der ganzen Form hörte ich zum ersten Mal in 1997. Ich borgte mir damals die Musikkassette aus der Musikbibliothek in Gotha aus. Die CD kaufte ich mir erst im Jänner 2002, um meine restlichen DM-Banknoten und Münzen loszuwerden. Im Nachhinein betrachtet eigentlich blasphemisch, dass ich bis dahin von der überspielten MC „gelebt“ habe. Aber die MC läuft und läuft und läuft – und ich habe sie immer noch. (Trotz dreier verschiedener CD-Ausgaben.)

Am besten hört man das Album zur Herbstzeit, die besten technischen Hörmöglichkeiten und eine ansonsten ruhige Umgebung sollen genutzt werden. Ein, zwei gekühlte Flaschen „Stiegl Paracelsus Zwickl“ bereitstellen, das Buch „Songs“ heranziehen und das entsprechende Kapitel aufschlagen. Die Einleitung lesen und dann nach „Nebraska“ reisen.

Weiterer Anspieltipp: „Badlands – A Tribute to Bruce Springsteen’s Nebraska“, wobei Bonustrack „Downbound Train“ von Raul Malo of the Mavericks die beste Nummer ist. Aber dass dieses Lied den Weg zum Tribute-Album gefunden hat, hat schon seine Berechtigung. „Downbound Train“ ist im Zuge der „Nebraska“-Sessions entstanden, war aber laut Springsteens Notizen „uptempo rocker for full effect / needs band“ nicht geeignet für das Album und es landete mit dem künftigen Titellied auf „Born In The U.S.A.“ – aber das ist eine andere Geschichte.

Interessante Links zum Nachlesen:

Angefangen am 29. September 2010 in Wien, 
finalisiert am 18. September 2015 in Erfurt.

Sori,
"Nebraska"-Jahrgang

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