Dienstag, 25. Juni 2013

Rückblick: 25.06.2003 - Bruce Springsteen and the E Street Band in Wien


Vorgeschichte:
Wie bin ich zu Bruce Springsteen und seiner Musik gestoßen? Hier die wichtigsten Fakten:
1990:     Dank einer Sammelkarte aus „Micky Maus“ das erste Mal „Bruce Springsteen“ in mein Bewusstsein aufgenommen.
1992:     Das erste Mal seine Musik mittels Video von „Human Touch“ auf MTV wahrgenommen, mir hat das Lied nicht sonderlich gefallen, aber das Solo und wie er auf seiner Telecaster eingedrischt hat – oh ja!
1995:     Nachdem der Hype um „Streets Of Philadelphia“ abgeflaut war, ich die heraustretenden Halsadern von Bruce bei seinem Gitarrensolo im „Murder Inc.“-Video (immer noch) sexy finde, musste ich mir schließlich die erste CD, „Greatest Hits“, um 20 DM von Papa sponsern lassen.
1995:     Die CD noch am selben Tag in meine Stereoanlage befördert, die ersten Takte von „Born To Run“ hämmerten aus den Lautsprechern und es war um mich geschehen…
1999:     Reunion-Tournee mit der E Street Band. Wirst Du ihn jemals live sehen? Und dann noch dieser denkwürdige Donnerstagabend im Juni 1999, als meine Internatserzieherin Ramona H. mir mitteilte, dass sie „nächste Woche zu Bruce Springsteen nach Leipzig“ fährt. Ich heulte laut auf.
Nach dem Konzert teilte sie mir mit, dass dieses am 13. Juni 1999 im Bruno Plache-Stadion ihr bestes Konzert gewesen sei (bisher unzählige Konzerte von ihrem Idol Westernhagen und anderen besucht), ich ihr weinerlich mitteilte, dass ich sicher nie auf ein Springsteen-Konzert gehen würde, sie mir versicherte, dass er sicher wieder kommt, „er spielt mit so einer unglaublichen Hingabe".
2002:     „The Rising“ - eine Zäsur in meinem Fan-Dasein. Den damaligen Lebensabschnittsgefährten (noch in Fernbeziehung) mit Springsteen infiziert, als ich ihn am Abend des 16. Oktober mitteilte, dass ich keine Zeit für Chatten habe, sondern lieber die „Live in Barcelona“ auf MTV sehen wollte. Er tat das Gleiche und teilte mir nachher mit, dass er den Boss auch live sehen will. Anfang November wussten wir, dank einem lieben netten Menschen (den Roland sehe ich nach so vielen Jahren noch immer), dass wir unser erstes Springsteen-Konzert am 25. Juni 2003 im Wiener Ernst Happel-Stadion erleben werden.
2003:     Wenige Wochen vor diesem Konzert erfuhr ich, dass ich am 25. Juni meine mündliche Abschlussprüfung absolvieren musste. Ich war wie zerschlagen, weil ich niemals rechtzeitig den Zug nach Wien und zum Konzert erwischen würde. Hier möchte ich meiner Berufsschulkollegin Katrin W. wieder herzlichst danken, dass sie mit mir ihren Termin getauscht hat. So konnte ich schon am 23. Juni meine mündliche Prüfung machen, ich war nachher offiziell Bürokauffrau und arbeitslos. Am Abend des 23. Juni stieg ich in den Nachtzug nach Wien ein.

Wien, 25. Juni 2003:
Um einen guten Platz, am besten im PIT, zu ergattern, brachen wir schon gegen 13 Uhr von Perchtoldsdorf auf. Schon beim Ausgangspunkt vergaßen wir vor lauter Aufregung, die Karten mitzunehmen – sprich, wir waren fast startbereit und eine Treppe höher lagen die Karten immer noch in der Schreibtischlade. Den entscheidenden Tipp lieferte mir K., als ich am Klo saß und er mir unter der Tür Karten einer bereits stattgefundenen Veranstaltung schob. (Irgendetwas mit Alfred Dorfer, das weiß ich noch.) „DIE KARTEN!“ schrie ich. Sonst wären wir wirklich zum Auto marschiert, nicht auszudenken, wenn, dass… Nachdem wir das Auto in das für mich noch unbekannte Wien geparkt haben und ein gutes Stück in Richtung Stadion marschierten, fiel mir „DIE KARTEN!“ ein und wir mussten wieder zurück zum Auto. 

Suchspiel... ein paar von diesen Tramps sah ich bei den nächsten Konzerten wieder.

Das waren noch Zeiten: Das Foto entstand tatsächlich am Konzerttag gegen 15 Uhr - Roll Call und Lottery gab es noch  nicht!

Gegen 14 Uhr erreichten wir endlich das Stadion und es war schon eine Handvoll Tramps dort. (Ich betone: Nur eine Handvoll!) Wir machten Bekanntschaft mit einer netten Tramp, die aus der Hansestadt Bremen stammt. Leider weiß ich ihren Namen nicht mehr… sollte sie sich beim Lesen wiedererkennen, ich grüß‘ Dich! Den Steirer, der neben mir saß, sah ich beim Einlass am 5. Juli 2009 wieder. Und während wir warteten, hörte ich Bruce eigentlich das erste Mal live singen. Beim Soundcheck probte er die mir damals verleidete Akustik-Version von „Born In The U.S.A.“, an „The Rising“ erinnere ich mich auch noch. Irgendwann war Einlass, wir rechneten uns gute Chancen für den PIT aus… aber diese währte nur kurz, weil ich leichtsinnigerweise (War ja auch mein erstes Stadionkonzert und mein erstes Konzert von einem Musiker in der Größenordnung… nur, kann nach Bruce noch etwas kommen?) meine Digitalkamera im Rucksack hatte, und natürlich nahm ich mein Rucksack zum Stadion mit. (Heute unvorstellbar!) Nach langer Diskussion mit der Security mussten K. und ich einen langen Fußmarsch zum Depot antreten und verloren dadurch viel Zeit. Im Nachhinein hätten wir eigentlich noch in den PIT kommen können, aber die Warteschlange dort schreckte uns ab. Also, zweite Reihe hinter der Absperrung… eigentlich ein super Platz, aber ich war angefressen biszumgehtnichtmehr, auch deshalb, weil wir ziemlich durstige Dodln neben uns hatten. K. schaffte es, mich auf den Boden kommen zu lassen, indem er mir klar machte, dass ich lange auf dieses Konzert gewartet habe, endlich die Möglichkeit habe, IHN in ein paar Stunden ganz nahe zu erleben und nun soll das Ganze wegen diesen blöden Kleinigkeiten zunichte gemacht werden? Da der gute Mann recht hatte, riss ich mich nun zusammen und wir beide warteten auf den Beginn. Ich erinnere mich an einen herumtanzenden Wasserball und eine gute halbe (? dreiviertel? volle?) Stunde vor offiziellem Beginn standen plötzlich alle auf. Ich, beinahe dehydriert, kannte meinen Körper zu gut, blieb als einzige weiter sitzen… ich meine, warum so früh stehen und dazu auch noch in dieser verdammt engen Menschenmasse? (Auch ein kritischer Punkt für die Sori.) Der stehende K. forderte mich zum Aufstehen auf. Ich rollte genervt mit den Augen gen Himmel und richtete mich nach der Mehrheit. Ich war zu 99 % dehydriert, es war ein sehr warmer Mittwoch, ans Getränkeholen dachten wir nicht, aus Angst, den guten Platz zu verlieren… ein ohnmächtiges Mädchen wurde zur Absperrung getragen, ich sah in ihre verdrehten Augen und dachte kurz nach, es ihr gleichzutun. Aber, he Sori! Wartest acht Jahre auf so ein Ereignis und willst kurz davor aufgeben?
Irgendwann… mit einer Dreiviertelstunde Verspätung betraten die Mitglieder der E Street Band die Bühne: Roy Bittan, Clarence Clemons, Danny Federici, Nils Lofgren, Patti Scialfa, Garry Tallent, Soozie Tyrell, Steve Van Zandt, Max Weinberg und – Bruce Springsteen.
Von da an vergaß ich meinen dehydrierten Körper.

Konzert:
(Im Nachhinein, nach so vielen Jahren und darauf folgenden anderen Konzerten von Bruce Springsteen und der E Street Band, die ich besucht habe, betrachte ich dieses Konzert etwas differenzierter. Schließlich war es das erste Konzert und all die Lieder, die er mit der E Street Band an diesem Abend spielte, hörte ich zum ersten Mal. Eigentlich sollte nun die Liederauswahl wertungsfrei betrachtet werden.)

Die ersten Takte spielte Bruce auf seiner Mundharmonika, das Grinsen auf meinem Gesicht und die Freude in mir breiteten sich aus – „THE PROMISED LAND“. Nachdem wir uns das „Mister I ain’t a boy no I’m a man and I believe in a promised land“ eingeschworen haben, ging es zu „The Rising“ und „Lonesome Day“ über. Nach „Prove It All Night“ beglückte mich „My Love Will Not Let You Down“ mit den Eröffnungsworten „At night I go to bed but I just can’t sleep I got something runnin‘ around my head…“ – wahre Worte! „Empty Sky“ war sowohl bühnen- als auch leinwandtechnisch beeindruckend. Bruce und Patti sangen den Refrain im Duett und dank der Videotechnik stand das Ehepaar auf der Leinwand viel näher beieinander als auf der Bühne. Dass „The River“ in der Full Band Version gespielt wurde, gehörte zu den Höhepunkten der „The Rising“-Tournee in Europa – dafür aber „You’re Missing“ (eines meiner – immer noch – Lieblingslieder aus dem damals aktuellen Album) daran glauben musste, tat schon weh. „Waitin‘ On A Sunny Day“ riss das großteils recht lahmes Publikum im Ernst Happel-Stadion aus ihren Sitzen und der Refrain landete in einer Endlosschleife. Riesige Freude, als wir „No Surrender“ hörten – das „We learned more from a three minute record than we ever learned in school“ hat einfach Kultstatus. Die Kombination meiner Lieblinge, „Worlds Apart“ und „Badlands“, beglückte mich so sehr und forderte unter anderem meine Stimmbänder zu Höchstleistungen heraus… das „AAAAAAAH“ und Händeklatschen bei „Worlds Apart“ war ein großer Moment für mich und mit „Badlands“ bleibt folgende Erinnerung verbunden: K. teilte mir am Tag danach mit , dass er mich und meinen Körper den Refrain schreiend fühlen konnte und sah mich dabei so an, als ob dieses Lied über mein Leben oder Tod entscheiden würde… Ich gebe mir nach wie vor und immer noch Mühe, diesem Motto treu zu bleiben: „IT AIN’T NO SIN TO BE GLAD YOU’RE ALIVE.“ Und nebenbei: Nein, die Menschenmassen ringsherum um mich machten mir nicht mehr aus, die Enge machte mir nicht mehr aus, ich war dort, an einem Ort, bei einem Erlebnis, auf der ich acht Jahre gewartet habe. Dort oben der Mann, der grad eben die frohe Botschaft verkündet hat und unten unter vielen Tausenden ein Fan namens Sori, die bis heute noch keine Erklärung gefunden hat, warum sie seiner Musik, seinen Texten so verfallen ist und es nötig hat, diesem Mann, der nie wirklich gearbeitet hat, für die kleinen arbeitenden Leute singt, Millionen scheffelt, und sie ihm ihr hart erarbeitendes Geld hinterherwirft. (Wobei die Geldmenge auch wieder relativ ist.) Nach „Out In The Street“ und „Mary’s Place“ inklusive Bandvorstellung kehrte Ruhe bei „Incident On 57th Street“ ein… im Nachhinein ärgerte ich mich, dass ich mich bis dato nicht wirklich mit seinen genialen Erstlingswerken beschäftigt hatte. Außerdem spürte ich, dass dieses „next shot is for you my friend“ allgemein die Konzertstimmung auf den Boden drückte – irritierend, aber das Gefühl war nun einmal da. „The screen door slams…“ – aha, „Thunder Road“… doch, es geschah etwas, womit ich nie gerechnet habe… ein Gefühl, etwas Keimendes, eine Knospe, die zur Blüte wird… eine der schönsten Momente in meinem Leben: „Show a little faith, there's magic in the night/ You ain't a beauty but hey you're all right/ Oh and that's all right with me…“ DAS war es! An diesem lauen Mittwochabend im Juni des Jahres Zweitausendunddrei. Es war „alright with me“… der Funke, diese Magie in dieser Nacht, sprang auf mich über… endlich war mir bewusst, wie schön „Thunder Road“ ist. Ich konnte mich Jahre zuvor nie wirklich mit diesem Lied anfreunden, ich fand es irgendwie… fad, aber seit diesem Abend war alles anders. Der kotelettenbärtige Typ da oben schafft es immer wieder, mich zu überraschen: „IT’S A TOWN FULL OF LOSERS AND I’M PULLED OUT HERE TO WIIIIIIIIIIIIIIIN...“
Geputscht von dieser Erkenntnis tauchten wir in ein atmosphärisches „Into The Fire“ ein, „Bobby Jean“ beglückte mich sehr, obwohl mir die Schlussakkorde ein wenig zu fröhlich vorkamen. „RAMROD“ krachte ins Stadion und die Einlage von „Roll Over Beethoven“ – markant war der Seppl-Hut mit „AUSTRIA“-Schriftzug von Roy Bittan – verwandelte das Stadion zu einer Partyzone. „Born To Run“ machte mir bewusst, dass der Großteil des Konzerts schon vorbei war. Noch ein trügerisch optimistisches „Someday girl I don’t know when/ We’re gotta get to that place/ Where we really want to go and we’ll walk in the sun/ But till then TRAMPS LIKE US BABY WE’RE BORN TO RUN.“
 „My City Of Ruins“ bescherte das wunderschönste Lichtermeer, welches ich in einem Stadion sah – ich habe nachher keine vergleichbaren schönen erlebt und es bleibt auch unvergesslich, dass Bruce die erste Strophe des Liedes am Klavier spielte, dann nach vorne ging, um mit uns das „Come on rise up!“ zu zelebrieren. (Die 2012er Version kann dieser 2003er Version nicht mehr das Wasser reichen.) Mit „Land Of Hope And Dreams“ fuhr der Zug zum ersten Mal ins Wiener Ernst Happel-Stadion ein und dieser dampfte, rockte, tobte weiter zu „Glory Days“ und „Dancing In The Dark“.
An Bruces Versprechen, „I’ll never miss Vienna on a tour again“, erinnere ich mich noch – Pustekuchen… wenn man bedenkt, dass mehr als sechs Jahre vergehen musste, bis er wieder in Wien Station machen konnte – und das Konzert war nun aus. Es wurde noch das s/w-Video von „Countin‘ On A Miracle“ in der leidlichen Akustik-und-Falsett-Version auf Leinwand gezeigt und wir bewegten uns aus dem Stadion.

Was ich danach fühlte, weiß ich nicht mehr. Ich kann mich auch nicht mehr an die Rückfahrt im Auto erinnern. Haben wir auch Springsteen aus dem CD-Spieler gehört? Glaub‘ schon… 

Und lange glaubte ich, es würde das einzige Springsteen-Konzert in meinem Leben bleiben. Ich ließ nachher auch viele Möglichkeiten ungenutzt… heute hätte ich am liebsten die drei STS-Konzerte vom Juni gegen ein Konzert von der Devils & Dust-Tournee getauscht.
Hätti wäri…

Aber dass ich nach vielen durstigen Jahren doch noch zu einigen Springsteen-Konzerten gekommen bin, macht mich immer noch glücklich und ich bin dankbar für jedes erlebte Konzert.
Papierene Erinnerungen vom Konzert.


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